Der Titan aus Solingen

Als MIVOC 2001 den HCM12T auf den Markt brachte war er ein sehr ungewöhnliches Chassis:

  • sehr schwere Membran
  • trotz niedriger Resonanzfrequenz geringes Vas
  • trotz kleinem Gehäuse niedrige untere Grenzfrequenz
  • sehr breite Sicke, sehr hoher linearer Hub
  • sehr große Auslenkung (= Schalldruck) möglich
  • sehr starker Antrieb
  • kommt mit moderaten Verstärkerleistungen aus

Um die Membran trotz der sehr hohen Kräfte möglichst stabil zu machen führten die MIVOC-Mannen diese als riesige, inverse Kalotte aus. Und da ihnen Alu noch zu wenig stabil war machten sie gleich Nägel mit Köpfen und verwendeten Titan - daher das T im Modellnamen. Das hatte allerdings auch seinen Preis - 449 € wollte MIVOC für den HCM12T haben.

Dine inverse Titankalotte machte den MIVOC HCM12T auch optisch zu einem Hingucker. Nach nur 5 Jahren wurde die Produktion des Chassis allerdings eingestellt, die letzen Exemplare gingen für nur 149 € über den Ladentisch. Bis dahin gab es viele Nachahmer des Grundkonzept schwere Membran + starker Antrieb, und da hatte der HCM12T mit seiner teuren Titankalotte dann offenbar einen Wettbewerbsnachteil.

Wie sich der junge Klassiker HCM12T gegen aktuelle Dickschiffe wie den Carpower Raptor 15 und DAYTON Titanic MkIII und macht verrät unser öffentliches Datenblatt.

 

Chassis-Datenblatt © www.hifi-selbstbau.de
So werden Lautsprecherchassis von HiFi-Selbstbau gemessen
Hersteller: MIVOC Typ: HCM 12 T, 4 Ohm Datenblatt des Herstellers

Foto des Chassis
 


Membranfläche: Außendurchmesser:
Innendurchmesser:
Plugdurchmesser:
-> Membranfläche Sd:
275 mm
217 mm
0 mm
475.3 cm²
TSP aus Messung
mit Zusatzmasse
(Mittelwert und Streuung
von 2 Chassis, Anregung -6 dB):
Resonanzfrequenz Fs
DC-Widerstand Rdc
Mechanische Güte Qms
Elektrische Güte Qes
Gesamtgüte Qts
Effektive bewegte Masse Mms
Äquiv. Luftvolumen Vas
Kraftfaktor BL
Wirkungsgrad Eta (2.83V, 1m, Halbraum)
25.85 Hz (+/-0.3%)
3.07 Ohm (+/-1.6%)
4.576 (+/-1.3%)
0.487 (+/-5.1%)
0.440 (+/-4.8%)
178.79 gr (+/-2.6%)
67.89 dm³ (+/-1.9%)
13.53 N/A (+/-0.6%)
89.90 dB (+/-0.42)


Sprungantwort (Chassis 2, 20 cm, 0°)

Zerfallspektrum (Chassis 2, 20 cm, 0°)


Klirrfaktor bei 85 bis 105dB/1m (Halbraum)



Kompletter Datensatz beider Chassis (Impedanz und Lp im OCT-Format, Klirrfaktor und komplexer Frequenzgang als TXT-Datei, ZIP, 86 kB)
Hinweis: Die Chassis sind gebraucht und wurden nicht weiter eingebrummt!

Unsere Meinung:
  • Der äußere Eindruck:
    Von vorne sieht der MIVOC HCM12T mit seiner inversen, 217mm durchmessenden Titankalotte "stark" aus - DIESE Membran bringt so schnell nichts dazu in Partialschwingungen aufzubrechen! Die Gestaltung des Chassisrandes fällt dagegen leider ab und bietet nur die übliche, hässliche Pappdichtung, die den Gusskorb nur am Rand erahnen lässt. Von vorne eingebaut ist der MIVOC HCM12T damit leider nicht der Bringer - trotz der interessanten optischen Effekte seiner Titankalotte. Der Hintergrund dieser leider üblichen optischen Ohrfeige mag sein, dass man den DIYer dazu anhalten möchte das Chassis von hinten einzubauen. Dann ragt die Membran selbst bei höchsten Auslenkungen nicht über das Gehäuse hinaus, außerdem wird dann die Verklebung der Sicke am Gusskorb entlastet.
    Von hinten fallen vor allem die 12 Streben auf, die zwar schmal sind aber durch eine große Tiefe trotzdem stabil. Einen ganz ähnlichen Korb hatten wir kürzlich erst beim DAYTON Titanic MkIII gesehen. Das Magnetsystem sieht mit 170 mm Durchmesser ordentlich dimensioniert aus und ist mit 50 mm Höhe sehr hoch. Dies lässt der 50 mm durchmessenden Schwingspule eine große Bewegungsfreiheit. Die Polplatte ist 20 mm stark, der Schwingspulenüberhang beträgt ca. 11 mm. MIVOC Gibt ein "Xmax" von +/- 10 mm an - das wird wohl der lineare Hub sein . . .


    Die Belastbarkeit wird mit "nur" 220 Watt RMS (600 Watt Peak) angegeben - das geht auf das Konto der "nur" 50 mm durchmessenden Schwingspule.
    Damit das Chassis die Wärme auch los wird gibt es eine 21mm durchmessende Polkernbohrung, und die Zentrierspinne ist natürlich auch hinterlüftet. Der Anschluss erfolgt mit Push-Terminals.
    Im Vergleich zu den 38er "Dickschiffen" Carpower Raptor 15 und DAYTON Titanic MkIII sieht der MIVOC HCM12T fast schon zierlich aus.
     

  • Die TSP:

    Die ermittelten TSPs decken sich recht gut mit den Herstellerangaben - wenn man von einer 33% weicheren Aufhängung ausgeht:

    TS-ParameterEinheit HiFi-SelbstbauMIVOC Abweichung
    (original)
    HiFi-Selbstbau
    (33% weicher)
    Abweichung
    (33% weicher)
    Resonanzfrequenz Fs
    Gesamtgüte Qts
    Äquiv. Luftvolumen Vas
    Membranmasse Mms
    Wirkungsgrad Eta (1m, Halbraum)
    [Hz]
    [-]
    [dm³]
    [gr]
    [dB/2.83V/m]
    25.85
    0.44
    67.89
    178.79
    89.9
    21
    0.35
    101
    186
    90
    23.1%
    25.7%
    -32.8%
    -3.9%
    -0.1
    21.16
    0.36
    101.33
    178.79
    -0.1
    0.8%
    2.9%
    0.3%
    -3.9%
    -0.1

    Damit kommt der HCM12T in einer 90 Liter großen Bassreflex-Box auf eine untere Grenzfrequenz (+0/-3 dB) von immerhin 23 Hz. Es geht aber auch kleiner: in 60 Litern und abgestimmt auf 22 Hz wären auch 20 Hz drin (+0/-3 dB) mit einer Bassanhebung von 5 dB bei 22 Hz.
    Geschlossen sollte man etwa 30 Liter spendieren, dann geht er bis etwa 42 Hz runter (+0, -3 dB). Mit einer Bassanhebung von +9 dB bei 28 Hz wären sogar 25 Hz drin:

    Im Impedanzverlauf fällt nur auf, dass die Impedanz zu hohen Frequenzen sehr stark ansteigt - was für einen Subwoofer aber nicht wirklich wichtig ist.
    Die Pegelabhängigkeit der Impedanz fällt um die Resonanzfrequenz nur gering aus.
     

  • Der Frequenzgang:
    Auf Achse läuft der HCM12T nur bis knapp 65 Hz perfekt, danach schlägt die große Schwingspuleninduktivität zu und sorgt für einen kontinuierlichen Abfall um ca. 9 dB bis knapp 260 Hz. Darüber verläuft der Frequenzgang zunächst flach und "bäumt" sich bei der Chassis-Membranresonanz von knapp 2 kHz noch ein Mal auf. Bei 4.5 kHz gibt es dann die 2. Membranresonanz.
    Sowohl in der Sprungantwort als auch im Zerfallspektrum sind die beiden Membranresonanz deutlich erkennbar.
     

  • Der Klirrfaktor:
    Der Klirrfaktor sieht insbesondere im Bassbereich gut aus. Der "harmonische" K2 hat ein breites Maximum bei 80 Hz und fällt dann kontinuierlich leicht ab. Der "unharmonische" K3 steigt bis 650 Hz kontinuierlich an.
    Bei einem maximalen Schalldruckpegel um 65 Hz von 85 / 90 / 95 / 100 dB beträgt K2 von 25 bis 100 Hz im Mittel 1.03 / 1.94 / 3.62 / 6.49%. Unter gleichen Bedingungen beträgt K3 im Mittel geringe 0.25 / 0.31 / 0.49 / 1.06%.
    Nach unseren Erkenntnissen (s. Klirrfaktor - wie viel ist zu viel?) ist der Klirrfaktor K2 bis 100 dB komplett unhörbar. K3 ist erst oberhalb von 300 Hz bei allen Lautstärken hörbar (bei Sinusanregung). K4 wäre wieder komplett unhörbar, und K5 ist erst oberhalb von 350 Hz bei 100 dB hörbar.
     

  • Die Pegellinearität:
    Die Anregung geschah von 20 bis 2000 Hz mit einem Pegel von 2 bis 20 Vrms (1 bis 100 Watt an 4 Ohm). Bei einem gemessenen Wirkungsgrad von ca. 89.9 dB/2.83V/m entspricht dies einem Schalldruckpegel von bis zu 107 dB in 1m. Unterhalb von 50 Hz kommt es zu dynamischen Verschiebungen der TSPs und dadurch bedingt zu nichtlinearem Verhalten. Von 50 bis 150 Hz bleiben die dynamischen Abweichungen des HCM12T bis +17 dB re 2V unter 1 dB. Darüber nehmen die Abweichungen zu, dies ist für einen Subwoofer aber verschmerzbar . . .


HiFi-Selbstbau-Fazit:


Bereits in einem 60 l großen Bassreflexgehäuse abgestimmt auf 22 Hz reicht dem MIVOC HCM12T eine moderate Bassanhebung von 5 dB (3.16-fache Leistung) um eine untere Grenzfrequenz (+0/-3 dB) von 20 Hz zu knacken. In 30 Litern geschlossen werden für eine untere Grenzfrequenz von 25 Hz 9 dB Bassanhebung gebraucht (8-fache Leistung) - da sollte man eine kräftige Endstufe haben . . .
Der HCM12T ist ein echtes Dickschiff, das ordentlich Luftvolumen verschieben kann. 2001 war er einer der ersten Subwoofer mit einer so schweren Membran und konnte daher trotz eines kleinen Gehäuses sehr tiefe Bässe erzeugen. Dank seines starken Antriebs hielt sich die benötigte Verstärkerleistung in Grenzen. Diese Kombination aus sehr hoher Membranmasse und sehr starkem Antrieb machte in der Folge Schule, so dass der HCM12T sein Alleinstellungsmerkmal verlor. Eine inverse Titankalotte kam danach allerdings außer Mode - sie war wahrscheinlich zu teuer. Der Listenpreis betrug 449 €, die letzten Exemplare wechselten im Rahmen des Ausverkaufs für nur noch 149 € den Besitzer.
Der MIVOC HCM12T ist bereits nach 5 Jahren Bauzeit ein Klassiker. Dies hat er neben seinen Tiefbasseigenschaften in sehr kleinen Gehäusen vor allem seiner einmaligen inversen Titankalotte und dem martialisch aussehenden Antriebssystem zu verdanken.