Grundlagen

Viech-Treffen 2009

"Viech"-Treffen 2009 in Köln

"Viech" ist der äußerst passende Name für einen Lautsprecher, der eines gewiss nicht sein will: brav! Der Name scheint irgendwie unpassend für ein life-gestyltes Wohnzimmer zu sein - und das zu recht! Das "Viech" hat durch seine schiere Größe (110 cm hoch, 29 cm breit, 50 cm tief) einen sehr geringen WAF (= Wife Acceptance Factor). Hier gibt es eine schöne Zusammenfassung (PDF, 607 kB).

Und warum ist es dann in aller Munde (Original-Thread seit 18.1.2005 mit momentan 250 Seiten und 12497 Posts), und warum gibt es im HiFi-Forum sogar einen Viech-Zähl-Thread (Stand 13.12.2009: 305)? Weil das Viech gleich mehrere Wünsche erfüllt:

  • es ist relativ preiswert (ab ca. 60 € inkl. Holz)
  • es kommt ein Breitbandlautsprecher zum Einsatz; dieser Chassistyp bringt gute Voraussetzung für eine gute räumliche Abbildung mit
  • es ist maximal minimalistisch: das Holz nach Bauplan zusammenbauen, Chassis einsetzen, Kabel anlöten - fertig
  • es hat einen hohen Wirkungsgrad von ca. 95 dB/W/m, kann also auch an Verstärkern mit geringer Leistung (z.B. Röhre oder kleine "Transe") recht laut spielen
  • es ist ein Horn; diesem Gehäuseprinzip werden Eigenschaften wie hohe Dynamik nachgesagt
  • und last but not least: man kann es in Grenzen relativ einfach auf die persönlichen Anforderungen anpassen, z.B. durch die Bedämpfung der Druckkammer und durch Wahl eines anderen Treibers

Da ergibt sich natürlich viel Diskussionsmöglichkeit und -bedarf. Und daher bestand der Wunsch, die verschiedenen Variationen des Viechs mal gegeneinander zu hören und Erfahrungen auszutauschen. Und wie geht das besser als bei einem "Viech-Treffen"? nic_enaik aus dem HiFi-Forum schlug ein solches Treffen vor und bot auch gleich entsprechende Räumlichkeiten an - und zahlreiche Viech-Besitzer machten sich auf den Weg nach Köln um zu sehen und hören was noch geht.

Und da das Treffen bei uns "um die Ecke" war (7 km von unserem Domizil) und wir immer schon mal wissen wollten wie gut so ein Viech denn nun ist waren wir vor Ort und haben einen kleinen Bericht für die Daheimgebliebenen geschrieben. Da ich nie ohne mein äußerst mobiles Messsystem (12" Laptop, Elektretmikro und CD mit Anregungsgeräusch) aus dem Hause gehe hatte ich gehofft, den Viechern auch mal "unters Fell" zu schauen - mit äußerst interessanten Ergebnissen.

 

Als ich den leicht entlegenen Treffpunkt in einer Karate-Schule erreicht hatte war ich beim ersten Anblick des "Hörraums" doch gerührt: da standen sie alle einträchtig beisammen, Seite an Seite, alle etwas anders und doch echte Viecher.

Noch bevor ich sie sah hörte ich die Viecher schon im Treppenhaus - und es war klar, dass hier und heute high-endige Kling-Klang-Plong Musik auf der Hitliste gaaaanz weit unten stand. Es empfing mit ein echtes Brett von rockiger Gitarrenmucke - es war schon erstaunlich bis erschreckend, was an Lautstärke aus den Teilen raus kam wenn man bedenkt, dass der "Hörraum" ca. 12 m breit und 16 m tief war.

Neben den eigentlichen Viechern waren auch diverse Subwoofer mitgereist - denn wirklichen Tiefbass machen die Viecher leider nicht so recht. Es war auch das Viech MKII angekündigt (s.a. Klang & Ton Heft 1/2010), die Klang & Ton-Redaktion konnte einen Besuch in Köln aber leider nicht einrichten. Die MKII ist eine (Weiter-) Entwicklung der Firma Strassacker, die dem Viech einen neuen Treiber (CIARE PM200) verpasst und um einen Hochtöner (OBERTON D2544 mit AUDAPHON Kugelwellenhorn KW25-290 und AUDAPHON-Adapter) erweitert hat. Diese "aufgemotzte" Variante des Viechs schlägt mit 199 € für Treiber und Weichenbauteile aber auch ordentlich zu Buche.

So gab es "nur" 6 Viecher mit 5 verschiedenen Chassis:

  • das "original" mit dem BEYMA 8AG/N von profinti
  • eine Variante mit dem SICA LP208.38.426T von spidi90
  • zwei Varianten mit dem SICA LP208.38.1100 von niwi17 und schlunz
  • eine Variante mit dem FOSTEX FE206E von nic_enaik
  • eine Variante mit dem TANGBAND W8-1772 von hoschibill
Hier noch ein paar Detailansichten des originalen Viechs (links, mit Papiersicke) und des TANGBAND W8-1772 (rechts, mit am Rand verstärktem Schwirrkonus):

 

Da es alle Chassis beim Breitbänder-Spezialisten Spectrumaudio gibt habe ich mal alle dort angegebenen Daten zusammengestellt:

ChassisPreisRdc [Ohm]Eta [dB/W/m]D_vc [mm]Pel [W]Mms [g]Fs [Hz}Qms [-]Qes [-]Qts [-]Sd [cm²]Vas [dm³]BL [N/A]Xlin [mm]
BEYMA 8AN/G40 €7.196.035.03513.61054.131.601.1522011.06.41.0
SICA LP208.38.426T43 €3.093.938.08014.4648.840.590.5521427.75.50.0
SICA LP208.38.110061 €6.295.038.09014.9652.900.410.3621425.910.01.0
FOSTEX FE206E97 €6.796.035.03015.4393.730.180.1820654.511.81.5
TANGBAND W8-1772240 €6.895.038.56010.1421.020.360.2722094.54.83.0
TANGBAND W8-1808240 €6.893.038.56010.1451.330.660.4422088.15.25.0

Klangeindruck:

Da es oft keinen direkten Vergleich der Viecher mit derselben Musik gab fiel eine subjektive Beurteilung natürlich schwer. Die "edleren" Versionen mit FOSTEX bzw. TANGBAND-Bestückung spielten auch nicht vor der Wand sondern diagonal:

Wegen der speziellen Location (Trainingsraum einer Karate-Schule) war der Boden mit Schaumgummiplatten belegt, so dass z.B. unter die Boxen Decken gelegt werden mussten. Aus demselben Grund gab es auch keine Stühle zum Hören (und Schuhe waren ebenfalls "verboten"). Das Hören fand also im Stehen statt, was den Vergleich nicht eben einfacher machte:


Der große "vollschlanke" in der Mitte ist hoschibill, links daneben unser Gastgeber nic_enaik
und rechts (mit Bart) schlunz (beim Rest muss ich passen)

Mein persönlicher Eindruck war, dass die Viecher im Grundton- und Bassbereich alle recht ähnlich klangen, obwohl die Treiber ja doch deutlich andere TSPs haben. Was mal wieder zeigt, dass das Horn den größeren Anteil am Gesamtergebnis hat. Der Grundtonbereich bzw. Oberbass war bei allen in wenig "vorlaut", und im Tiefbassbereich war nicht viel los (was man bei der neuen YELLO-CD gut hören konnte). Das kam aber auch durch den ungewöhnlich großen Hörraum. In "normalen" Räumen bekommt man untenrum durch "geschickte" (= wandnahe) Aufstellung noch etwas Schub durch die unvermeidlichen Raumresonanzen, dann ist die Balance Tiefbass/Oberbass oft günstiger.

Die originalen Viecher leiden doch deutlich unter Höhenmangel. Die SICA-Viecher mit dem 426T waren da sehr ähnlich, während der 1100er schon deutlich "frischer" klang. Beim 1100er nervte aber auch im oberen Mitteltonbereich etwas. Der FE206E war in allen Belangen besser als das Original und mit 97 € ein guter Kompromiss aus Kosten und Klang.
Bei fast allen bisherigen Versionen galt: sie hatten "mehr" Höhen, aber die waren nicht wirklich präzise sondern eher "zischelig". Da setzte dann der TANGBAND W8-1772 einen drauf, bei dem auch die Höhen klar kamen. Mit 240 €/Stück sind die aber auch kein "billiges Vergnügen" mehr . . . Hoschibill war aber noch nicht ganz mit seinem TANGBAND-Viech zufrieden, da war noch eine Überhöhung irgendwo im Mitteltonbereich - was ein "Kopf-in-den-Hornmund-stecken" (und die Messung) bestätigte.


Messergebnisse:

Aber dafür hatte ich ja mein "kleines Messbesteck" bestehend aus kleiner Laptop (Pentium I) mit 12"-Display, Elektretmikro und Test-CD dabei. Um die Teilnehmer nicht allzu sehr zu langweilen wurden nur ein paar "quick & dirty"-Messungen mit handgehaltenem Mikro gemacht, so dass die Pegelunterschiede nicht überbewertet werden sollten:
  • Messung 1: in 2.5m Abstand unter ca. 0° in Höhe des Treibers
  • Messung 2: in 2.5m Abstand unter ca. 30° in Höhe des Treibers
  • Messung 3: ca. 10 cm vor dem Chassis (ca. 20 dB leiser)
  • Messung 4: mittig im Hornmund (ca. 20 dB leiser)
Hier mal ein paar Bilder vom Autor bei der Messarbeit ("entliehen" aus dem sehr schönen Bericht von hoschibill auf dem HiFi-Portal)


Messung in 2.5m Abstand unter 0°


Messung im Hornmund

Und was kann man damit anfangen?

  • Durch den Vergleich von Messung 1 mit Messung 2 bekommt man einen Hinweis, wie sehr das Chassis "obenrum" bündelt und ob man Überhöhungen ggf. mit einem Sperrkreis "entschärfen" sollte. Am Messort gab es zwar schon eine Vermischung aus Direktschal und Reflexionen, aber durch den großen Raum mit Schaumgummifussboden und Akustikdecke war der Anteil der Reflexionen trotz 2.5m Messabstand noch nicht allzu hoch.
  • Durch den Vergleich von Messung 1 mit Messung 3 bekommt man einen Hinweis, ob Überhöhungen oder Auslöschungen von Messung 1 evtl. vom Chassis selbst kommen. Dies gibt Hinweise darauf, ob man ggf. einen Sperrkreis verwenden sollte
  • Durch den Vergleich von Messung 1 mit Messung 4 bekommt man einen Hinweis, ob Überhöhungen oder Auslöschungen von Messung 1 evtl. durch den Hornanteil kommen. Dies gibt Hinweise darauf, ob man noch etwas bei der Hornbedämpfung optimieren kann
Die ganze Aktion dauert genau 31 Minuten für insgesamt 6 Varianten, also etwa 5 Minuten pro Box. Ein Teil der Zeit ging dabei für die genaue Beschreibung der Box drauf, denn eine Messung ohne Beschreibung kann man nachher nicht mehr vernünftig zuordnen. Und hier nun die Ergebnisse. Zunächst jeweils die 5 Varianten auf einem Blick:


-> unter 140 Hz ist der Verlauf ausgewogener -> hier handelt es sich um Raumeinflüsse (andere Messposition)
-> der BEYMA 8AG/N und der SICA 426T haben ein Loch um 4 kHz, der 8AG/N ist besonders unausgewogen (Peak bei 7.5 kHz)


-> alle Chassis zeigen einen Einbruch bei 125 Hz -> Interaktion mit dem Horn
-> der BEYMA 8AG/N hat 2 unschöne Peaks bei 3.5 und 7.5 kHz, der SICA 1100er einen bei 2.3 kHz
-> der FOSTEX FE206E hat 2 kleinere Peaks bei 2.5 und 4 kHz, der TANGBAND ist am ausgewogensten


-> das Horn wirkt von 60 bis 250 Hz und verhält sich bei allen Chassis untenrum sehr ähnlich
-> beim SICA 1100er und der FE206E liegt der untere Peak etwas tiefer, beim 8AG/N ist der Peak um 70 Hz am stärksten bedämpft
-> beim SICA 1100er und der FE206E zeigen sich die Chassispeaks auch am Hornmund
-> nur beim TANGBAND zeigt sich ein Peak bei 1 kHz, ggf. ein Effekt der aufgedoppelten Front -> hier sollte stärker bedämpft werden

Das Viech mit dem SICA 426er hatte einen besonders gutmütigen Frequenzgang am Hornmund mit nur geringen Mitteltonanteilen. Spidi90 erklärte, er habe die Dämpfungsvariante 5 befolgt (Viech-Insider wissen was gemeint ist, die anderen lesen es hier auf Seite Seite 15 nach), unterhalb des Chassis (also am "Eingang" zum Horn) aber doppelt so viel Absorptionsmaterial wie empfohlen verwendet. Das scheint ein guter Tipp für niwi17 und nic_emaik zu sein, deren Viecher da ein wenig zu viel "rauspusten".

So, und jetzt für jedes Chassis die 4 Teil-Ergebnisse im Vergleich:


-> Peaks bei 3.5 und 7.5 kHz, sehr ungleichmäßiges Rundstrahlverhalten, > 10 kHz nix los


-> leicht welliger Mittel-/Hochtonbereich, Bedämpfung der Druckkammer um 2.8 kHz nicht optimal


-> sehr ausgewogen, nur der Peak bei 2.2 kHz nervt -> schmalbandiger Sperrkreis (s.u.)!


-> "Durchhänger" bei 4 kHz und sehr ungleichmäßiger Verlauf unter 30° mit wenig Höhen


-> die Bedämpfung ist noch nicht optimal (Peak um 1 kHz), ansonsten sehr gut -> eher unter 15° hören, dann verschwindet der 10 kHz Peak

Der Preis-/Leistungssieger scheint mir der SICA LP208.38.1100 zu sein - aber bitte mit Sperrkreis. Er ist Dank seiner 38 mm durchmessenden Schwingspule auch sehr hoch belastbar. Da in der Kürze der Zeit keine Impedanzmessungen gemacht werden konnten habe ich einfach einen BG20 als Impedanz-Ersatz genommen und den gemessenen Frequenzgang in Boxsim importiert:

Um eine so scharfe Sperrwirkung hinzubekommen muss man einen relativ großen Kondensator und eine relativ kleine Spule mit relativ geringem Innenwiderstand kombinieren. Eine exakte Abstimmung dieses Sperrkreises ist nur messtechnisch möglich, da schon kleine Bauteiltoleranzen beim Chassis oder den Weichenbauteilen ausreichen, damit die Resonanz knapp daneben liegt.

Und hier gibt es das Boxsim-Projekt sowie alle Messdaten zum downloaden (ZIP-Datei, 40 kB).

Als "Kontrast-Programm" zu den urigen Viechern habe ich auf Nachfrage von nic_enaik mal unsere MarkO mit dem MARKAUDIO Alpair10 mitgebracht. Die sind auf der diesjährigen HiFi-Music-World ganz gut weggekommen und haben gezeigt, wie "fein" ein Breitbänder spielen kann. Den Viech-Liebhabern hat der maximale Schalldruck allerdings nur ein müdes Gähnen entlockt. Dabei machen die Alpair10 satte 6mm Hub ohne zu Nörgeln. Wer's nicht glaubt: hoschibill hat ein kleines Video davon gemacht, das auf Youtube zu sehen ist.


Fazit:

Das Viech hat was! Es ist zwar nicht der perfekte Lautsprecher, aber die perfekte Einstiegsdroge in den Lautsprecher-DIY. Damit ist Berndt Burghard aka cyburgs neben der kleinen Needle (TQWT mit VISATON FRS8) ein weiterer großer Wurf gelungen. Seine Konstrukte dürften einen sehr großen positiven Einfluss auf die DIY-Szene gehabt haben. Und wer einmal Blut geleckt hat, den lässt das DIY-Fieber so schnell nicht wieder los. Denn: wer weiß was er tut kann auch mit geringen Mitteln viel erreichen - auch wenn die High-End-Fuzzis das nicht war haben wollen und lieber ihr sauer verdientes Geld in sündhaft teure Kabel investieren . . .

Kommentare  

# florian 2014-02-12 20:52
Und zwar haben ein kumpel und ich ein party wagen gebaut! uns sind ie lautsprecher aber zu leise und haben zu wenig bas! meine frage ist ob man die duch einen speziellen aufbau des resonanzkörpers verbessert bekommt? wie haben allerding nur einen Raum von Höhe: 30 cm Breite 25cm länge 80 cm pro lautsprecher zur verfügung! Wie haben 2 dieser lautsprecher zur Verfügung !
http://www.kenwood.de/products/car/lautsprecher/systeme/KFC-M6932A/details/
Cookies sind Dateien, die auf der Festplatte Ihres Computers abgelegt werden und der Erleichterung der Navigation dienen. Sie können das Speichern von Cookies auf Ihrer Festplatte verhindern, indem Sie in Ihren Browser-Einstellungen „keine Cookies akzeptieren“ wählen. Zum korrekten Umgang mit Cookies lesen Sie bitte die Bedienungsanleitung Ihres bevorzugten Browsers. Wenn Sie keine Cookies akzeptieren, kann dies im Einzelfall zu Funktionseinschränkungen unserer Seiten führen. Soweit Sie Cookies akzeptieren, legt HiFi-Selbstbau Daten innerhalb der Cookies auf Ihrer Festplatte ab und ruft diese Informationen bei späteren Nutzungen wieder ab. Weitere Informationen finden Sie auf unserer Datenschutz-Seite, Bereich "Cookies"