Fertiglautsprecher

ProAc Tablette

Besuch eines legendären Kleinlautsprechers

Mit dem von der BBC entwickelten Kleinmonitor LS3/5a (BBC Entwicklungsbericht und Hintergrundinfos von KEF) gab es 1975 zum ersten Mal einen ernstzunehmenden Kleinlautsprecher. Klein bedeutete damals 19 cm breit, 31 cm hoch und 16 cm tief (9.4 l Bruttovolumen). Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich ihn als Jugendlicher das erste Mal hörte und kaum fassen konnte, wie natürlich diese kleine Box aufspielte.

Ein paar Jahre später erblickte ein noch kleinerer, fast ebenso legendärer Lautsprecher das Licht der Welt: die ProAc Tablette. Statt eines 13cm Tief-/Mitteltöners (KEF B110) im geschlossenen Gehäuse wurde ein 10cm Tief-/Mitteltöner von SEAS (Typ 11F-LG) im Bassreflexgehäuse verwendet. Das Gehäuse sah von vorne sehr viel kompakter aus (4 cm weniger hoch und 4 cm weniger breit), war aber 7 cm tiefer und kam so in etwa auf das gleiche Bruttovolumen.

Vor ein paar Tagen kam ein potentieller Kunde für eine XTZ 99.36 MkII vorbei und brachte seine ihm wohlbekannten kleinen ProAc Tablette kurzerhand mit. Nachdem wir ein paar Stücke mitgebrachter Musik über beide Boxen gehört hatten ließen wir es uns nicht nehmen, mal kurz beide Boxen in unserem Hörraum zu vermessen um zu sehen, ob wir die gehörten Unterschiede auch in den Messkurven wiederfinden.

Der Kunde ließ uns ein paar Minuten gewähren, schließlich war er auch daran interessiert herauszufinden, ob die Lautsprecher nach über 25 Dienstjahren noch in Ordnung waren.

 

 

 

 

 

Da wir nur wenig Zeit hatten wurde nur der Frequenzgang beider Boxen zusammen am Hörplatz nach der Wedelmethode gemessen:


-> trotz ihrer kompakten Abmessungen ist die ProAc (4 Ohm?) zwischen 100 und 10000 Hz lauter als die XTZ 99.36
-> die ProAc Tablette zeigt im wichtigen Mitteltonbereich zwischen 800 und 5000 Hz einen recht welligen Verlauf
-> demgegenüber ist die XTZ 99.36 > 800 Hz extrem linear
-> im Bassbereich ist die XTZ 9936 MkII als kleine Standbox natürlich deutlich überlegen
-> im Hochtonbereich > 10 kHz ist die ProAc Tablette sehr zurückhaltend

Hinweis: die Überhöhung um 80 Hz und der Einbruch um 55 Hz sind Raumeinflüsse!

Ob die linke und rechte Box weitgehend identisch klingen wurde aus Zeitgründen nur subjektiv beurteilt. Dazu wurde einfach rosa Rauschen zunächst auf die eine, dann auf die andere Box gegeben -> es hörte sich weitgehend gleich an, gröbere Fehler waren nicht erkennbar.

Die ProAc Tablette wies damals eine Besonderheit bei der Ausführung des Bassreflexrohres auf: um stehende Wellen im Bassreflexrohr zu reduzieren wurde das Rohr in viele kleine Teilrohre unterteilt (= mit Strohhalmen gefüllt), die mit einer dämpfenden Masse beschichtet wurden. Da wir bei der Take 3 mit diesem "klassischen Trick" keinen Erfolg hatten wollten wir natürlich wissen, ob das zumindest bei ProAc funktioniert hat. Wir haben das Mikrofon ca. 2 cm entfernt vom Ende des Bassreflexrohres positioniert:

Und das kam dabei heraus:


-> auch bei der ProAc Tablette kommt neben der gewünschten Bassunterstützung bei 75 Hz noch starker "Schmutz" um 1 kHz und 2 kHz raus (stehende Wellen im BR-Rohr?)

Und wo wir schon mal dabei waren haben wir auch gleich die Chassis im Nahfeld gemessen (Mikro jeweils ca. 2 cm vor der Membran). Dadurch kann man ungefähr ermitteln, welchen Frequenzbereich die Chassis übernehmen und ob es größere Fehler im Frequenzgang gibt:


-> die Einzelfrequenzgänge sehr ganz ordentlich aus
-> die Überhöhung um 1 kHz am Hörplatz könnte etwas mit dem unerwünschten Schallaustritt aus der BR-Öffnung zu tun haben
-> an der Überhöhung bei 3 kHz sind TT und HT gleichermaßen beteiligt

 

Ursprünglich fiel der TT ggf. oberhalb von 2 kHz gleichmäßiger ab, aber im Lauf der Zeit nahm die dämpfende Wirkung der Membranbeschichtung ggf. ab und führte so zu einer höheren Abstrahlung um 3 kHz, die nun zusammen mit dem Hochtöner eine Überhöhung ergibt. Es könnte aber auch sein, dass der Luftspalt des Hochtöners mit Ferrofluid bedämpft ist und dieses im Laufe der Jahre weniger viskos geworden ist und so den Frequenzgang am unteren Ende des Übertragungsbereiches verändert hat. Fakt ist: 25 Jahre gehen nicht spurlos an einem Lautsprecher vorbei, dazu sind die verwendeten Materialien (insbesondere die Kunststoffe mit zunehmend ausgasenden Weichmachern) nicht langzeitstabil genug.

Beim Hörtest wusste die ProAc Tablette durchaus zu gefallen. Durch die größere Grundtonwärme und die zurückhaltenderen Höhen gaukelte sie Fülle vor - solange keine wirklich tiefen Töne wiedergegeben werden mussten. Die Welligkeit im Mitteltonbereich sorgte vor allem bei Stimmen für eine andere Klangfärbung und ging oft ins "erkältete" - da war die XTZ 99.36 differenzierter. Gegenüber der ProAc Tablette spielte die XTZ 99.36 MkII im Präsenzbereich sehr klar und im Hochtonbereich recht frisch auf (Stellung Tweeter + 3dB, Woofer +3 dB, unteres BR-Rohr offen).

  

Ob einem das so dann besser gefällt steht auf einem anderen Blatt. Durch die zahlreichen Anpassungsmöglichkeiten (Brückenstecker + BR-Stopfen) kann die XTZ 99.36 aber an zahlreiche Aufstellungssituationen und Hörgeschmäcker angepasst werden.

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